Schachproblem-Sammlungen damals und heute

Die Bewahrung, systematische Ordnung und Weitergabe der künstlerischen und geistigen Produkte aus Vergangenheit und Gegenwart gehört in vielen Bereichen zu den wichtigsten Aufgaben der Pflege kultureller Errungenschaften. Museen, Archive, Publikationen oder Vorträge - all dies greift in der Regel auf Bestände von Sammlungen zurück, die von Fachleuten und Enthusiasten in langer und unermüdlicher Arbeit zusammengetragen und katalogisiert wurden. Im Bereich der Bildenden Künste, der Archäologie und natürlich der Literatur sind solche Sammlungen weithin bekannt, weil erstens sehr viele Personen zu ihrem Aufbau beitrugen (man halte sich vor Augen, dass große Bibliotheken mehrere Millionen Bände umfassen) und weil zweitens die öffentliche Nutzung in Form des Besuchs von Museen oder der Ausleihe von Büchern umfangreich ermöglicht wurde.

Auch auf dem Gebiet der Schachkomposition wurden seit mehr als einem Jahrhundert immer wieder große Sammlungen angelegt, in denen Publikationsquellen ausgewertet und Schachprobleme bzw. Studien systematisch zusammengetragen wurden. Die meisten dieser Sammlungen gründeten auf der immensen Arbeit einzelner Menschen. Sie besitzen daher meist sehr spezifische Merkmale, beispielsweise die Konzentration auf ausgewählte Kunstschachformen (z. B. orthodoxe Zweizüger; Studien; Hilfsmatts) oder auf bestimmte regionale und nationale Quellen (z. B. russische oder deutsche Sammlungen). Die Bewahrung und systematische Ordnung der Kompositionen wurde mit diesen Sammlungen von Beginn an in herausragender Weise gewährleistet. Viele dieser Sammlungen sind heute unersetzlich, weil ohne sie das Wissen über Publikationsquellen, die bis in das späte 20. Jahrhundert hinein auch in der Tagespresse weit gestreut waren, verloren wäre. Ein Problem, das die meisten der Sammlungen aber ebenso kennzeichnete, ist der Wunsch zur Weitergabe der in ihr bewahrten Information. Der Vorteil der inneren Ordnung, der Sammlungen kennzeichnet, die über Jahrzehnte hinweg von einer einzigen Person aufgebaut wurden, die das Katalogisierungssystem differenziert entwickelten und nahezu fehlerfrei auf Zugänge anwandten, wird zum Nachteil, da diese Sammler zeitlich zumeist so belastet sind, dass der Service einer Nutzung durch Dritte nicht bereitgestellt werden kann.

Eine bemerkenswerte Ausnahme zur beschriebenen Problematik bot der frühere Vorsitzende der Schwalbe, deutsche Vereinigung für Problemschach, Dr. John Niemann. Seine Hilfsmatt-Sammlung galt weltweit aus vielen Gründen als legendär: Wegen Niemanns ungeheurer Literaturkenntnis und dem resultierenden hohen Vollständigkeitsgrad seiner Sammlung, wegen seines ungewöhnlich differenzierten Klassifikationssystems, das er offenbar so vorausschauend anlegte, dass er auch Neuentwicklungen in der Hilfsmatt-Thematik problemlos integrieren konnte, und wegen der nachgerade beängstigenden Geschwindigkeit und Genauigkeit, mit der er - oft von Preisrichtern, aber auch von Redakteuren - an ihn gerichtete Anfragen über den Stand der Kompositionskunst in bestimmten Feldern und damit über die Originalität neuer Hilfsmatts beantwortete und dadurch seine Sammlung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machte.

Die technologischen Entwicklungen seit Ende des 20. Jahrhunderts eröffnen Schachproblem-Sammlungen neue Perspektiven, stellen zugleich aber ungewohnte Anforderungen.Mit der Entwicklung von Datenbank-Technologien und dem allgemein verfügbaren Zugang zu Computern und dem Internet ist es möglich, die Bewahrung und die Weitergabe der Schachprobleme auf viele Schultern zu verteilen, Sammlungen zu vereinigen, die Korrektheit der Einträge ständig zu überprüfen, sowie Angaben - auch über Nachdrucke, also über die Rezeptionsgeschichte von Kompositionen - zu ergänzen. Wieder spielt der Name John Niemann eine wichtige Rolle. Nach seinem Tod landete seine Sammlung zunächst bei Franz Pachl, bald danach bei mir. Ich eignete mir möglichst rasch die Fähigkeit an, Anfragen zu beantworten und damit die Weitergabe der gesammelten Probleme fortzusetzen. Eine Fortführung der Eingabe neu publizierter Hilfsmatts war mir nicht möglich. Das Bedauern hierüber führte auf einer Reihe von Tagungen zu lebhaften, konstruktiven Diskussionen. Schließlich fanden sich mit Gerd Wilts und Hans-Peter Reich zwei Personen, die fähig und willens waren, ein Datenbanksystem aufzubauen, in das (u. a.) die Aufgaben der Niemannschen Hilfsmattsammlung eingegeben werden konnten. Die schiere Menge der Aufgaben stellte jedoch eine große praktische Hürde dar, zu deren Überwindung ein Mechanismus gefunden wurde, der heute viele internet-basierte Angebote und Dienstleistungen kennzeichnet, nämlich die distribuierte Arbeitsform. Die Verfügbarkeit eines auch für Laien fehlerfrei und einheitlich bedienbaren Datenbanksystems ermöglichte es, die Karteikästen der Niemann-Sammlung per Post in ganz Deutschland zu verteilen, so dass durch den Beitrag einer Vielzahl von Problemschachfreunden die Digitalisierung der Niemann-Sammlung rasch umgesetzt wurde.

Die so entstandene PDB (Problem-Daten-Bank), die Ihnen auf dieser Homepage zugänglich ist, wurde in den darauf folgenden Jahren nach demselben Prinzip erweitert und zusätzlich durch die Fusion mit anderen Sammlungen - deren Autoren und Mitarbeiter zu nennen den Rahmen dieses Textes sprengen würde - substanziell ergänzt. Eine neue Herausforderung entsteht allerdings gerade durch die distribuierte Arbeitsweise: die Aufrechterhaltung und gezielte Weiterentwicklung eines einheitlichen Ordnungs- und Klassifikationssystems. Bereits mit der Eingabe der Niemann-Sammlung mussten Abstriche bei der Übernahme seiner komplexen, bis heute nicht vollständig entschlüsselten Symbolsprache gemacht werden. Neu erfasste Probleme oder durch Fusion hinzu kommende Datenbestände können nicht vollständig das Ordnungssystem der bisherigen Einträge übernehmen. Unterschiedliche Stile und Beschreibungsarten bei der Eingabe von Schachproblemen und ihren Lösungen tragen zusätzlich zur Vielfalt der Angaben bei. Die Leistung einer systematischen Ordnung kann von modernen, digitalisierten, auf distribuierter Anstrengung aufgebauten Sammlungen nicht in derselben Art und Weise geboten werden wie von den früheren Ein-Mann-Betrieben á la John Niemann. Hierfür sind mächtige und zugleich einfach bedienbare Instrumente erst noch zu entwickeln. Die Pflege der Datensätze und die Bereinigung von Fehlern stellt eine zusätzliche Herausforderung dar, der allerdings durch die über das Internet gestreute Nutzer-Schar ein moderner Lösungsvorschlag gegenüber steht.

Die Schwalbe, deutsche Vereinigung für Problemschach, deren zentraler Zweck gemäß ihrer Satzung darin besteht, das Problemschach zu fördern, sieht die Unterstützung aller notwendigen Arbeiten an einer nicht-kommerziellen, allgemein zugänglichen, digitalisierten Schachproblem-Sammlung als eine ihrer wichtigsten Aufgaben neben der Publikation neuer Kompositionen an. Daher ist sie gern bereit, die bisher in bemerkenswerter Eigeninitiative von Gerd Wilts aufgebaute und ständig erweiterte und gepflegte PDB offiziell zu einer von der Schwalbe geförderten Aktivität umzuwandeln und damit Verantwortung für ihren materiellen und ideellen Fortbestand zu übernehmen. Dafür, dass Gerd Wilts bereit ist, in ehrenamtlicher Funktion unbefristet weiter für die Entwicklung der PDB Sorge zu tragen, danke ich ihm im Namen aller Schwalbe-Mitglieder ausdrücklich und herzlich.

Hans Gruber (Bobingen), 1. Vorsitzender der Schwalbe, deutsche Vereinigung für Problemschach, 11. Juli 2011